Kinder brauchen die Natur

Natur ist für Kinder ein idealer Entwicklungsraum. Sie ist lebendig wie Kinder selbst, verändert sich ständig und kann mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Von daher wäre es nur vorteilhaft und wünschenswert, wenn sich Kinder auch nach dem Corona-Lockdown weiterhin vermehrt im Freien bewegen und ausprobieren. Warum das Naturerleben aus wissenschaftlicher Sicht für Kinder äußerst förderlich ist, dazu hat Stefanie Terschüren recherchiert.

Dass Naturerlebnisse tatsächlich Sinn machen, zeigen Studien wie sie der Gehirnforscher und Autor Prof. Gerald Hüther bekannt gemacht hat. Die Autor*innen Maria Kirady und Tilmann Botzenhardt haben dies in einem Artikel für GEO Wissen Gesundheit aufgearbeitet und Gina Luisa Metzler in einem für Focus Online. Hier eine Zusammenfassung wichtiger Aspekte.

Das Immunsystem eines Kindes wird gestärkt, wenn es viel Kontakt zu Pflanzenstoffen, Tieren, Würmern sowie Keimen aller Art hat. Wenn dessen Abwehrzellen frühzeitig mit einer Vielzahl von Mikroben und Fremdstoffen in Kontakt kommen, lernen sie, Schädliches von Ungefährlichem zu unterscheiden, mit dem Ergebnis, dass Allergien weniger häufig auftreten.

Und nicht nur das. In der Natur lässt sich sehr vieles auf sehr unterschiedliche Art entdecken und gestalten. In der Wohnung oder auf einem Spielplatz ist vieles schon fertig. Ein verwilderter Garten oder ein Wald ist dagegen nie fertig, denn er ist lebendig.

Jede Form der Kreativität, jede gute Idee führt dazu, dass das Belohnungszentrum im Gehirn spezielle Botenstoffe ausschüttet, die ein gutes Gefühl auslösen. Das wirkt motivierend. Und zugleich werden die Nervenzellen angeregt, sich stärker miteinander zu vernetzen. Auf diese Weise funktioniert Lernen von ganz allein. Daraus entsteht ein innerer Antrieb, sich weiter auszuprobieren, etwas zu bewirken.

Ein Computer riecht nicht nach Harz, er schmeckt nicht nach feuchter Erde. Man kann seine Finger nicht hineingraben, Kälte und Nässe spüren; sich nicht darin verstecken oder etwas damit bauen und dabei die eigenen Kräfte, das Klopfen des Herzens, die Anstrengung der Muskeln wahrnehmen. Wer das in der Kindheit erlebt, der schafft Erinnerungen, an die sich das Gehirn auch Jahrzehnte später noch erinnert.

Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass sich im Gehirn von Heranwachsenden bestimmte Strukturen unterschiedlich herausbilden – je nachdem, welche Erfahrungen sie in ihrer Lebenswelt gemacht haben. So ist etwa bei jenen Kindern, die wenig Kontakt zur Natur, zu Tieren und anderen Menschen haben, der sogenannte präfrontale Kortex auch weniger komplex vernetzt. Diese Hirnregion ermöglicht es, Handlungen zu planen und deren Folgen abzuschätzen, uns in andere hineinzuversetzen, unsere Affekte, wie Frust oder Aggression, zu kontrollieren, also auch geduldig zu sein. Für die braucht es entsprechende Vernetzungen im Gehirn, die sich nur in einer komplexen, anregenden Umwelt bilden. Umgekehrt führt das Aufwachsen in einer reizarmen Umgebung dazu, dass wir kurzsichtiger denken, unsere Impulse nicht mehr im Griff haben, uns leicht frustrieren lassen und uns auch nicht so gut in andere hineinversetzen können.

Auf die Frage, was passiert, wenn Kinder keine Möglichkeit bekommen, die Welt selbstständig zu entdecken, sagt Hüther: „Ihnen stößt viel eher etwas zu, sie sind weniger selbstsicher. Aber nicht nur die Motorik, auch der allgemeine Gesundheitszustand von Kindern wird besser, wenn sie viel draußen spielen.“ Im Focus Online Artikel spricht er davon, den Kindern nicht die Entdecker*innenfreude zu nehmen. Es sei Aufgabe der Eltern, den Geist eines Kindes zu formen und ihnen die Möglichkeit einzuräumen, den Geist eigenständig zu entwickeln. Solange sich Kinder als Subjekt die Welt erschließen, sei alles gut.

„Wenn alles vorgefertigt ist und per Knopfdruck oder Mausklick kontrolliert und gesteuert werden kann, erwarten Kinder später im Leben, dass auch dort alles so funktioniert, wie sie es wollen. Moderne raffinierte Spielzeuge vermitteln genau diesen Eindruck“, sagt er.

Ganz andere Eindrücke werden vermittelt, wenn draußen ausreichend Platz ist, um neue Bewegungen auszuprobieren – rückwärtslaufen, klettern, hüpfen, schwimmen. Kinder treffen auf Widerstände, an denen sie wachsen können. Etwa, wenn sie über einen Baumstamm balancieren, in Wipfel klettern, so hoch sie sich trauen, oder über einen Bach springen. So werden sie von Mal zu Mal geschickter, bewegen sich immer sicherer, lernen sich selbst und ihre Möglichkeiten immer besser kennen. Gerade kleine Kinder beziehen allein aus solchen motorischen Erfolgserlebnissen viel Selbstbewusstsein. Sie brauchen das Abenteuer – und sie suchen es. Es ist Ausdruck ihrer angeborenen Entdeckungs- und Gestaltungslust.

Der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther, Jg. 1951, beschäftigt sich unter anderem mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Gehirnentwicklung. Seit 2015 ist er Vorstand der »Akademie für Potentialentfaltung«, in der es u.a. auch um die Schulen der Zukunft geht.

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